15. September 2008 by Andreas Bliemeister
Heute Abend war ich in “Wolke 9″, dem neuen Film von Andreas Dresen. Die Geschichte ist so kurz wie die Besetzungsliste und doch wahnsinnig groß. Was ist, wenn das Leben durch ein lange verschollenes Gefühl aus der Bahn geworfen wird? Nach 30 Jahren Zusammenleben verliebt sich die Protagonistin Inge (Ursula Werner). Mit so viel Feingefühl und so zerbrechlich, dass das bedrückende Glück der Situation spürbar wird. Der Alltag und das Leben laufen vorbei wie die berliner S-Bahn vor dem Fenster oder der Kaffee in der Küche durch die röchelnde Maschine. Die Momente des (un?)möglichen Glücks werden so scharf und schnell (ab-)geschnitten, dass der Zwiespalt wie ein Riss in der Leinwand wirkt.
Die Liebe von Älteren (60plus), die wie eine fest gefügte Institution in den Allgemeinköpfen vorherrscht, wird hier seziert und ihre Fragilität, die grundmenschliche Angst und Sehnsucht treten zutage. Das erstickende Lachen, die Nähe bejahende Distanz, die Kopfdrehung von Vertrautem zur Sehnsucht und zurück sprechen Bände, die Dialoge nie so füllen könnten. Ein wunderbarer Film.
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15. August 2008 by Andreas Bliemeister

Manhattan 1960
Ich habe es gefunden: Manhattan 1960 von Henri Cartier Bresson. 2004 habe ich seine Retrospektive in Berlin besucht und dort dieses Bild gelesen. In der vergangenen Woche habe ich mich daran erinnert, als ich über die Schönheit von Dingen nachgedacht habe, die man nicht sieht. So wie die Frau in dem Bild. Das flüchtige Bein im Bild ist der Augenblick, den es zur Entzündung von Gedanken braucht und der Blick des Mannes, den ich übrigens komischerweise gar nicht mehr erinnert hatte, wird zum Kanal meiner eigenen Vorstellung. Was sehe ich nicht?
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26. Juli 2008 by Andreas Bliemeister
Gerade bin ich dabei und scanne ein paar Fotos ein. Meine Lomo enttäuscht mich in keinster Weise: schmuddelige Bilder, verwackelt, unscharf, schlecht ausgeleuchtet, keine gewählte Quadrage, nichts. Und doch ist mir gerade aufgegangen, was ich an diesen Bildern so mag, die andere als einfach nur schlecht fotografiert hinstellen: sie lassen demjenigen, der sie ansieht, viel Spielraum beim Betrachten und Erinnern.
Ein perfektes Bild ist ästhetisch, legt aber zumeist gleich die Deutung oder Wahrnehmung fest. Klare Linien, Fluchtpunkte und Symbole, gestylte Bilder mit gezielter Aussage. Die Aussage, die bei den Lomo-Bildern bleibt, ist einfach nur das Leben, der Moment und setzt sich mit der Stimmung des Betrachters, den Eigenheiten und Blickgewohnheiten, der kognitiven Ergänzung, dem Objekt A und der Detailfindigkeit jeder einzelnen Person zu dem eigentlichen Bild zusammen. Nicht die Projektion auf das Fotopapier oder die rein optische Wahrnehmung machen das Bild aus, sondern die Ergänzung durch den Betrachter.
Schön, dass es das gibt und man sich ein Gegengewicht zum überästhetisierten Kunstbild erhalten kann.

Gegengewicht der Gedanken
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7. August 2007 by Andreas Bliemeister
Kinder sprechen aus, was Erwachsenen nicht über die Lippen kommt. So auch gestern. Der Vater mit seinen zwei Söhnen fährt mit dem Bus die Straße entlang. Da, plötzlich, duckt sich das ein Kind, kommt erst nach einer kleinen Weile wieder hoch und vermeldet dem Vater stolz: “Ich hab mich geduckt, da war Polizei”. Schon das hat mir zu denken gegeben. Besteht in der Familie ein generelles Bedürfnis, sich vor der Polizei zu verstecken? Handelt es sich beim Abtauchen um die Nachahmung des Vaters? Doch das zweite Kind sorgt schon für Aufklärung: “Musst dich doch nicht verstecken, wir fahren doch mit dem Bus und nicht mit dem Auto.” AHA, da ist es also. Die Schlagzeile könnte also lauten: Vater befördert Kinder ungesichert im PKW. Jetzt stellt sich vor mir das Bild ein, wie es wohl bei einem normalen Familienausflug im Auto zugehen könnte. Was außer den Kindern muss dann wohl noch versteckt werden? Und was, wenn die Familie in eine Verkehrskontrolle gerät? Amok und Chaos? Den Kindern ist jedenfalls kein Unrecht vorzuwerfen, sie stören sich nicht an dem Gedanken, sich im Auto ducken zu müssen, wenn die Polizei am Horizont der Windschutzscheide auftaucht.
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6. August 2007 by Andreas Bliemeister
Neulich in der S-Bahn saß mir eine merkwürdig anmutende Frau gegenüber: trotz der sommerlichen Temperaturen hatte sie eine Winterjacke mit hochgekrempelten Ärmeln an. Neben sich auf dem Sitz hatte sie einen Stoffbeutel, der mit leeren Flaschen gefüllt war, oder eher fast leeren Flaschen, da der Beutel sichtlich nass war. Nach einer Weile griff sie in ihre Handtasche und beförderte etwas zutage, dass ich zuerst für ein Buch hielt. Doch beim zweiten Hinsehen erkannte ich eine DVD-Hülle der Reihe “Wissen auf Video”. Es handelte sich dabei um die Folge “Die Bienen - Alle Macht der Königin”. Allerhand dachte ich. Da fährt so jemand durch die Nacht und beschäftigt sich mit Lehrmaterial. War diese Frau jetzt eine Lehrerin, die sich ein Zubrot durch Flaschensammeln verdient? Oder hat sie die DVD für irgendjemanden gekauft, um eine Freude zu bereiten? Die letzte Assoziation, die sich einstellte war dann jedoch, ob sie nicht selbst vielleicht davon träumen könnte, eine Bienenkönigin mit der Macht über ihren Staat zu sein, gepflegt und umhegt zu werden und einmal wirklich im Zentrum zu stehen. Das werden wir wohl nie erfahren…
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2. Juli 2007 by Andreas Bliemeister
Heute vor dem T-Punkt in den Potsdamer-Platz-Arkaden: Ich gehe vorbei und höre einen (wahrscheinlich Ex-)Kunden der Telekom beim Verlassen des Geschäftes folgende Worte sprechen: “So ein Scheiß.” Alles darauf folgende habe ich dann nicht mehr mitbekommen. Vielleicht war es ja auch mehr als nur der normale Frustreflex beim Verlassen des Ortes, an dem man die schmerzliche Erfahrung der Konsumfrustration erfahren musste. Vielleicht schwelgt dieser Ex-T-Punktbesucher ja nun in elegischen Ergüssen beim Konkurrenzhändler, der eigentlich auch kein anderes Ziel verfolgt, als den Kunden bis zur Unterschrift unter den Knebelvertrag zu bekommen, um ihn dann langsam auf die Phase des “Ich-verlasse-den-Laden-mit-den-Worten-So-ein-Scheiß”-Stadiums auszurichten und ihm bei der Verfolgung dieser selbstüberwindenden Einsicht mit unterlassener Hilfestellung und uneigennützigem Vermitteln an kostenpflichtige Hotlines behilflich zu sein. Funktioniert so die Der-Kunde-Ist-König-Welt?
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1. Juli 2007 by Andreas Bliemeister
Vor ein paar Tagen habe ich ein wunderbares Beispiel für die Flüchtigkeit des Augenblicks und alle damit verbundenen Möglichkeiten, die sich niemals realisieren werden, erlebt. Nur wenige Meter vor mir ging eine Frau, allein, mit ihren Einkaufstäschchen, und ließ beim Flanieren ihre Blicke schweifen. Diese trafen dann einen etwa gleich alten Mann im Business-Outfit, der ebenso schlendernd seiner Wege ging. Die Macht des Augenblicks zeigte sich in der Ungleichzeitigkeit, mit der die beiden einander ihre Aufmerksamkeit signalisierten. Kurz nachdem sie ihren Blick wieder von ihm abgewendet hatte und er sie passiert hatte, wandte er sich nach ihr um, verzögerte kurz seine Schritte, bevor er dann den Kopf leicht gesenkt seinen einsamen Weg fortsetzte.
Was wäre geschehen, wenn sie sich nun doch beide bemerkt hätten? Hätten sie ein Gespräch begonnen, sich kennen gelernt oder zumindest etwas mehr über den anderen erfahren, sodass eventuell nachträglich einsetzende Fragen nun nicht in ihren Köpfen herumsurren und marternd immer wiederkehren? Weder ich noch sie noch er wird dies jemals erfahren. Dennoch: der kurze Moment, den sie beide füreinander bestimmt hatten, ist verloren. Funktioniert so das Leben der verpassten Möglichkeiten?
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25. Juni 2007 by Andreas Bliemeister
Gestern Abend habe ich in einem fast unfassbaren Motivationswahn noch Energie mobilisiert und habe auf dem Balkon mit einem Glas Rotwein und einer Zigarrette ausgestattet noch ein paar Texte für den Schluss meiner Diplomarbeit gelesen. Und in eben dieser typischen Pose des Armchair-Reasoning (ich saß wirklich im Sessel), bin ich nun lomografisch verewigt.
Jetzt beschleicht mich so langsam der Gedanke, dass es dieses Bild sein wird, was in 20 Jahren für meine Erinnerungen an die Zeit des Studiums stehen wird. Und die Nachwelt wird sich sagen: na was soll denn bei so einer Einstellung auch aus der Wissenschaft werden? Aber diese Romantisierung selbst zu begehen, das Bild der Gründerväter aller modernen Wissenschaft aufleben zu lassen, tat gut.
Hier das entstandene Bild, endlich nachgereicht:

Für die Nachwelt
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24. Juni 2007 by Andreas Bliemeister
Gestern zum Theatermenü im Saalbau Neukölln. Im Rahmen der 48 Stunden von Nekölln gab es ein selbst zusammenstellbares Theatermenü zu genießen. Als Vorspeise gab es die Bunten Zellen, die Seniorentheatergruppe, die im Saalbau probt, die Ausschnitte aus ihrem aktuellen Programm gezeigt haben. Deutsche und Türkische Rentner haben dann ihr herrlich chaotisches aber zugleich auch erfrischend witziges Theater gezeigt. Besonders witzig war, dass mal alte Menschen Eltern und Kinder gespielt haben. Die entgegengesetzte Rollenverteilung, das heißt jemand junges schlüpft in eine ältere Rolle, kennt man ja und erscheint einem ganz normal. Wenn aber eine ca. 60-Jährige Frau auf einmal die Tochter eines etwa ebenso alten Mannes darstellt, dann ist das schon reichlich irritierend.
Der Hauptgang des Theatermenüs wurde von der Stehgreifbühne gereicht. Improvisationstheater deluxe. Zur Klavierbegleitung haben die 3 Schauspieler und die Schauspielerin auf Zuruf von Themen und Inspirationen aus dem Publikum jeweils kurze Szenen gespielt. Dabei wurde dann zwischendurch abgeklatscht und der- oder diejenige, der neu in die Szene eingetreten ist, hatte nun die Möglichkeit, die momentane Handlungssituation ganz frei umzudeuten. Sehr interessant anzusehen.
Der Nachtisch schließlich bestand aus einem Liederprogramm, das mit Hilfe von verschiedenen (Hand-)Puppen und auch einem Schattenspiel dargestellt wurde. Und auch hier wieder schöne Klavierbegleitung.
Als “Mokka” schließlich gab es noch eine Tanzaufführung auf der großen Bühne. Und so richtig Neukölln-typisch: orientalische Musik und orientalischer Tanz, dazu roch es im Publikum ordentlich nach Bier… Interessante Mischung.
Wirklich ein schöner Abend. Leider war Anja, die ich lange nicht gesehen hatte und die mich kurz vor dem Hauptgang entdeckt hatte, später nicht mehr auffindbar. Ich hätte mich gerne noch mit ihr unterhalten und erfahren wie es ihr, ihrem Mann und ihren Kindern so geht.
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