Vor ein paar Tagen habe ich ein wunderbares Beispiel für die Flüchtigkeit des Augenblicks und alle damit verbundenen Möglichkeiten, die sich niemals realisieren werden, erlebt. Nur wenige Meter vor mir ging eine Frau, allein, mit ihren Einkaufstäschchen, und ließ beim Flanieren ihre Blicke schweifen. Diese trafen dann einen etwa gleich alten Mann im Business-Outfit, der ebenso schlendernd seiner Wege ging. Die Macht des Augenblicks zeigte sich in der Ungleichzeitigkeit, mit der die beiden einander ihre Aufmerksamkeit signalisierten. Kurz nachdem sie ihren Blick wieder von ihm abgewendet hatte und er sie passiert hatte, wandte er sich nach ihr um, verzögerte kurz seine Schritte, bevor er dann den Kopf leicht gesenkt seinen einsamen Weg fortsetzte.
Was wäre geschehen, wenn sie sich nun doch beide bemerkt hätten? Hätten sie ein Gespräch begonnen, sich kennen gelernt oder zumindest etwas mehr über den anderen erfahren, sodass eventuell nachträglich einsetzende Fragen nun nicht in ihren Köpfen herumsurren und marternd immer wiederkehren? Weder ich noch sie noch er wird dies jemals erfahren. Dennoch: der kurze Moment, den sie beide füreinander bestimmt hatten, ist verloren. Funktioniert so das Leben der verpassten Möglichkeiten?