Archiv für die Kategorie ‘Augenblicke’

Warten im Büro – Fensterpanorama der Zeit

15. September 2009

September ohne nähere jahreszeitliche AusstattungImmerzu wartet man, dass was passiert, schaut aus dem Fenster, sitzt im Büro, sieht die Wolken fliegen, schaut in den Himmel und denkt „Was für ein schöner Sommertag!“ und sitzt und wartet und bekommt gar nicht mit, dass sich das Jahr schon wendet.

Der Himmel ist grau, der Herbst kommt, die Bäume werden gelb, rot und braun, der Wind kommt auf und bringt den Regen und die Kälte mit. Zeit für dicke Sachen und warme Getränke.

Und wieder sitzt man nur drinnen, denkt noch „Ein Herbstspaziergang in schöner wärmender Sonne durch den bunten Blätterwald wär’ schön!“ Statt dessen Blätterwald auf dem Schreibtisch und warten auf den Winter, auf den Frühling, auf den Sommer, um dann zu merken, dass das Jahr schon wieder fast rum ist und die Glasfassade schon wieder so ein komisches Wetter- und Jahresverfallspanorama präsentiert.

Ich seh’ was nicht, was Du nicht siehst

15. August 2008
Manhattan 1960

Manhattan 1960

Ich habe es gefunden: Manhattan 1960 von Henri Cartier Bresson. 2004 habe ich seine Retrospektive in Berlin besucht und dort dieses Bild gelesen. In der vergangenen Woche habe ich mich daran erinnert, als ich über die Schönheit von Dingen nachgedacht habe, die man nicht sieht. So wie die Frau in dem Bild. Das flüchtige Bein im Bild ist der Augenblick, den es zur Entzündung von Gedanken braucht und der Blick des Mannes, den ich übrigens komischerweise gar nicht mehr erinnert hatte, wird zum Kanal meiner eigenen Vorstellung. Was sehe ich nicht?

Das Gegengewicht im Bild

26. Juli 2008

Gerade bin ich dabei und scanne ein paar Fotos ein. Meine Lomo enttäuscht mich in keinster Weise: schmuddelige Bilder, verwackelt, unscharf, schlecht ausgeleuchtet, keine gewählte Quadrage, nichts. Und doch ist mir gerade aufgegangen, was ich an diesen Bildern so mag, die andere als einfach nur schlecht fotografiert hinstellen: sie lassen demjenigen, der sie ansieht, viel Spielraum beim Betrachten und Erinnern.

Ein perfektes Bild ist ästhetisch, legt aber zumeist gleich die Deutung oder Wahrnehmung fest. Klare Linien, Fluchtpunkte und Symbole, gestylte Bilder mit gezielter Aussage. Die Aussage, die bei den Lomo-Bildern bleibt, ist einfach nur das Leben, der Moment und setzt sich mit der Stimmung des Betrachters, den Eigenheiten und Blickgewohnheiten, der kognitiven Ergänzung, dem Objekt A und der Detailfindigkeit jeder einzelnen Person zu dem eigentlichen Bild zusammen. Nicht die Projektion auf das Fotopapier oder die rein optische Wahrnehmung machen das Bild aus, sondern die Ergänzung durch den Betrachter.

Schön, dass es das gibt und man sich ein Gegengewicht zum überästhetisierten Kunstbild erhalten kann.

Gegengewicht der Gedanken

Gegengewicht der Gedanken

Verstecken vor der Polizei

7. August 2007

Kinder sprechen aus, was Erwachsenen nicht über die Lippen kommt. So auch gestern. Der Vater mit seinen zwei Söhnen fährt mit dem Bus die Straße entlang. Da, plötzlich, duckt sich das ein Kind, kommt erst nach einer kleinen Weile wieder hoch und vermeldet dem Vater stolz: „Ich hab mich geduckt, da war Polizei“. Schon das hat mir zu denken gegeben. Besteht in der Familie ein generelles Bedürfnis, sich vor der Polizei zu verstecken? Handelt es sich beim Abtauchen um die Nachahmung des Vaters? Doch das zweite Kind sorgt schon für Aufklärung: „Musst dich doch nicht verstecken, wir fahren doch mit dem Bus und nicht mit dem Auto.“ AHA, da ist es also. Die Schlagzeile könnte also lauten: Vater befördert Kinder ungesichert im PKW.  Jetzt stellt sich vor mir das Bild ein, wie es wohl bei einem normalen Familienausflug im Auto zugehen könnte. Was außer den Kindern muss dann wohl noch versteckt werden? Und was, wenn die Familie in eine Verkehrskontrolle gerät? Amok und Chaos? Den Kindern ist jedenfalls kein Unrecht vorzuwerfen, sie stören sich nicht an dem Gedanken, sich im Auto ducken zu müssen, wenn die Polizei am Horizont der Windschutzscheide auftaucht. 

Alle Macht der Königin

6. August 2007

Neulich in der S-Bahn saß mir eine merkwürdig anmutende Frau gegenüber: trotz der sommerlichen Temperaturen hatte sie eine Winterjacke mit hochgekrempelten Ärmeln an. Neben sich auf dem Sitz hatte sie einen Stoffbeutel, der mit leeren Flaschen gefüllt war, oder eher fast leeren Flaschen, da der Beutel sichtlich nass war. Nach einer Weile griff sie in ihre Handtasche und beförderte etwas zutage, dass ich zuerst für ein Buch hielt. Doch beim zweiten Hinsehen erkannte ich eine DVD-Hülle der Reihe „Wissen auf Video“. Es handelte sich dabei um die Folge „Die Bienen – Alle Macht der Königin“. Allerhand dachte ich. Da fährt so jemand durch die Nacht und beschäftigt sich mit Lehrmaterial. War diese Frau jetzt eine Lehrerin, die sich ein Zubrot durch Flaschensammeln verdient? Oder hat sie die DVD für irgendjemanden gekauft, um eine Freude zu bereiten? Die letzte Assoziation, die sich einstellte war dann jedoch, ob sie nicht selbst vielleicht davon träumen könnte, eine Bienenkönigin mit der Macht über ihren Staat zu sein, gepflegt und umhegt zu werden und einmal wirklich im Zentrum zu stehen. Das werden wir wohl nie erfahren…

Kauf Mich und Vergiss Mich

2. Juli 2007

Heute vor dem T-Punkt in den Potsdamer-Platz-Arkaden: Ich gehe vorbei und höre einen (wahrscheinlich Ex-)Kunden der Telekom beim Verlassen des Geschäftes folgende Worte sprechen: „So ein Scheiß.“ Alles darauf folgende habe ich dann nicht mehr mitbekommen. Vielleicht war es ja auch mehr als nur der normale Frustreflex beim Verlassen des Ortes, an dem man die schmerzliche Erfahrung der Konsumfrustration erfahren musste. Vielleicht schwelgt dieser Ex-T-Punktbesucher ja nun in elegischen Ergüssen beim Konkurrenzhändler, der eigentlich auch kein anderes Ziel verfolgt, als den Kunden bis zur Unterschrift unter den Knebelvertrag zu bekommen, um ihn dann  langsam auf die Phase des „Ich-verlasse-den-Laden-mit-den-Worten-So-ein-Scheiß“-Stadiums auszurichten und ihm bei der Verfolgung dieser selbstüberwindenden Einsicht mit unterlassener Hilfestellung und uneigennützigem Vermitteln an kostenpflichtige Hotlines behilflich zu sein. Funktioniert so die Der-Kunde-Ist-König-Welt?

Aneinander vorbei

1. Juli 2007

Vor ein paar Tagen habe ich ein wunderbares Beispiel für die Flüchtigkeit des Augenblicks und alle damit verbundenen Möglichkeiten, die sich niemals realisieren werden, erlebt. Nur wenige Meter vor mir ging eine Frau, allein, mit ihren Einkaufstäschchen, und ließ beim Flanieren ihre Blicke schweifen. Diese trafen dann einen etwa gleich alten Mann im Business-Outfit, der ebenso schlendernd seiner Wege ging. Die Macht des Augenblicks zeigte sich in der Ungleichzeitigkeit, mit der die beiden einander ihre Aufmerksamkeit signalisierten. Kurz nachdem sie ihren Blick wieder von ihm abgewendet hatte und er sie passiert hatte, wandte er sich nach ihr um, verzögerte kurz seine Schritte, bevor er dann den Kopf leicht gesenkt seinen einsamen Weg fortsetzte.
Was  wäre geschehen, wenn sie sich nun doch beide bemerkt hätten? Hätten sie ein Gespräch begonnen, sich kennen gelernt oder zumindest etwas mehr über den anderen erfahren, sodass eventuell nachträglich einsetzende Fragen nun nicht in ihren Köpfen herumsurren und marternd immer wiederkehren? Weder ich noch sie noch er wird dies jemals erfahren. Dennoch: der kurze Moment, den sie beide füreinander bestimmt hatten, ist verloren. Funktioniert so das Leben der verpassten Möglichkeiten?