Archiv für die Kategorie ‘Bildsprache’

Das Leben tobt ganz still und die stummen Schreie lassen sich fühlen

15. September 2008

Heute Abend war ich in „Wolke 9″, dem neuen Film von Andreas Dresen. Die Geschichte ist so kurz wie die Besetzungsliste und doch wahnsinnig groß. Was ist, wenn das Leben durch ein lange verschollenes Gefühl aus der Bahn geworfen wird? Nach 30 Jahren Zusammenleben verliebt sich die Protagonistin Inge (Ursula Werner). Mit so viel Feingefühl und so zerbrechlich, dass das bedrückende Glück der Situation spürbar wird. Der Alltag und das Leben laufen vorbei wie die berliner S-Bahn vor dem Fenster oder der Kaffee in der Küche durch die röchelnde Maschine. Die Momente des (un?)möglichen Glücks werden so scharf und schnell (ab-)geschnitten, dass der Zwiespalt wie ein Riss in der Leinwand wirkt.

Die Liebe von Älteren (60plus), die wie eine fest gefügte Institution in den Allgemeinköpfen vorherrscht, wird hier seziert und ihre Fragilität, die grundmenschliche Angst und Sehnsucht treten zutage. Das erstickende Lachen, die Nähe bejahende Distanz, die Kopfdrehung von Vertrautem zur Sehnsucht und zurück sprechen Bände, die Dialoge nie so füllen könnten. Ein wunderbarer Film.

Das Gegengewicht im Bild

26. Juli 2008

Gerade bin ich dabei und scanne ein paar Fotos ein. Meine Lomo enttäuscht mich in keinster Weise: schmuddelige Bilder, verwackelt, unscharf, schlecht ausgeleuchtet, keine gewählte Quadrage, nichts. Und doch ist mir gerade aufgegangen, was ich an diesen Bildern so mag, die andere als einfach nur schlecht fotografiert hinstellen: sie lassen demjenigen, der sie ansieht, viel Spielraum beim Betrachten und Erinnern.

Ein perfektes Bild ist ästhetisch, legt aber zumeist gleich die Deutung oder Wahrnehmung fest. Klare Linien, Fluchtpunkte und Symbole, gestylte Bilder mit gezielter Aussage. Die Aussage, die bei den Lomo-Bildern bleibt, ist einfach nur das Leben, der Moment und setzt sich mit der Stimmung des Betrachters, den Eigenheiten und Blickgewohnheiten, der kognitiven Ergänzung, dem Objekt A und der Detailfindigkeit jeder einzelnen Person zu dem eigentlichen Bild zusammen. Nicht die Projektion auf das Fotopapier oder die rein optische Wahrnehmung machen das Bild aus, sondern die Ergänzung durch den Betrachter.

Schön, dass es das gibt und man sich ein Gegengewicht zum überästhetisierten Kunstbild erhalten kann.

Gegengewicht der Gedanken

Gegengewicht der Gedanken